Wir müssen mit den Daten arbeiten können, nur dann stiftet Digitalisierung Nutzen!

Mit bundesweiten Vernetzungs- und Patientenaktenprojekten wie dem der gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) und ambitionierten Big Data-Szenarien wie jenen im Rahmen der Medizininformatik-Initiative zeigt InterSystems den Weg auf, den das deutsche Gesundheitswesen gehen muss, um nicht nur digitaler, sondern auch qualitativ besser zu werden. Helene Lengler, Regional Managing Director Northern Europe & CIS bei InterSystems, sieht die aktuellen politischen Weichenstellungen als Bestätigung und Ansporn, den eingeschlagenen Weg zügig weiter zu beschreiten.

Interview mit Helene Lengler, E-Health-Com 2_3/2020

Helene Lengler, Helene Lengler, Regional Managing Director Northern Europe & CIS, InterSystems
Helene Lengler, Regional Managing Director Northern Europe & CIS, InterSystems

Frau Lengler, wir haben in den letzten Monaten einen wahren Reigen an politischen Vorstößen erlebt, mit denen die Digitalisierung im Gesundheitswesen vorangetrieben werden soll, vom Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) über die Rechtsverordnung für digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) bis zum Entwurf für ein Patientendatenschutzgesetz (PDSG). Ist das zielführend?

Wenn wir uns ansehen, wie weit Deutschland bei der Digitalisierung allgemein und speziell im E-Health-Umfeld hinter vergleichbaren Ländern zurückliegt, dann ist es sehr zu begrüßen, dass jetzt endlich Bewegung in das Thema gekommen ist. Natürlich muss angesichts der Kürze der Zeit das eine oder andere handwerklich nachgearbeitet werden. Trotzdem rückt dadurch die Notwendigkeit, Dinge in Deutschland zu verändern, stärker ins Bewusstsein, und das ist absolut positiv zu bewerten. Klar ist aber auch, dass Gesetze und Rechtsverordnungen nur den organisatorischen Rahmen liefern. Die Umsetzung muss erst noch stattfinden.

Was sind konkret politische Maßnahmen, von denen Sie sich besonders viel versprechen?

Eines der Highlights sind sicher die DiGAs. Das ist auch  aus Sicht von interSystems ein technologisch sehr interessantes Thema, weil diese Anwendungen letztlich über eine interoperable Plattform zugänglich gemacht werden müssen, die Leistungserbringer und Patienten zusammenbringt. Gleichzeitig ist das aber auch ein Thema, bei dem noch sehr viel Arbeit zu tun ist. Wie genau die Zulassung und die Nutzenbewertung von DiGAs funktioniert, und welche Sicherheitsanforderungen die Anbieter erfüllen müssen, ist bisher nur in Ansätzen klar. Es wird noch eine Weile dauern, bis die Rahmenbedingungen so gefasst sind, dass wir einen tatsächlichen Nutzen der DiGAs sehen.

Ein großes Thema des DVG und mehr noch des neuen PDSG sind die elektronischen Patientenakten. Ist Deutschland dabei jetzt auf der richtigen Spur?

Wenn wir uns das Thema technische und inhaltliche Standards ansehen, dann ist es schon so, dass wir nach wie vor einen sehr deutschen Weg gehen. Andere Länder orientieren sich stärker an internationalen Standards und streben ein höheres Maß an Interoperabilität an. Da gibt es noch Spielraum, auch wenn wir uns in die richtige Richtung bewegen. Ein anderer Punkt, der mit dem Thema Standards zusammenhängt: Die elektronische Patientenakte, so wie sie zum 1. Januar 2021 eingeführt werden soll, ist zunächst einmal nur ein Pdf-Container. Das kann aber nur der erste Schritt sein. Wenn Papierarchive in elektronische Archive überführt werden, ist das zwar Digitalisierung, aber noch lange nicht nutzenstiftend. Wir brauchen granulare Daten in einem standardisierten Format, das es auch anderen Anwendungen erlaubt, mit diesen Daten zu arbeiten. Erst dann machen auch Konzepte wie etwa die Datenspende Sinn. Digitalisierung ist ja kein Selbstzweck.

Das Unternehmen InterSystems steht für Interoperabilität, Transparenz und Datenanalytik auf offenen, standardisierten Plattformen. Inwieweit ist Ihr Engagement im deutschen Markt beispielhaft für die Richtung, in die sich das digitale Gesundheitswesen entwickeln sollte?

Was uns im Moment sehr beschäftigt, ist unser Projekt mit der gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), wo wir einerseits einheitliche, standardisierte digitale Prozesse etablieren, andererseits eine elektronische Patientenakte für die berufsgenossenschaftliche Versorgung mit aufbauen. Das hat mit der GKV-Regelversorgung direkt nichts zu tun, aber es ist insofern ein Schrittmacherprojekt, als es sich um eine deutschlandweite Vernetzung mit 6000 D-Ärzten und ca. 600 Krankenhäusern handelt. Wir sind davon überzeugt, dass wir auf diesem Weg eine Standardisierung erreichen werden, die auch in andere Versorgungssegmente ausstrahlen wird. Das DGUV- Projekt setzt zum Beispiel stark auf IHE-Profile, und es ist auch sonst eng an internationalen Standards ausgerichtet. Wir betrachten das als einen wichtigen Impuls über die gesetzliche Unfallversicherung hinaus.

Der zweite Bereich, in dem sich InterSystems stark engagiert, ist die Medizininformatikinitiative (MII). Auch die hat ja Schrittmachercharakter für das Gesundheitswesen. Was erhoffen Sie sich konkret?

Bei der MII sind vor allem die standardisierten Datensätze ein wichtiges Thema, also die inhaltlichen oder semantischen Standards. Vordergründig geht es auch hier zunächst um ein Spezialthema, einen deutschlandweit einheitlichen Forschungsdatensatz, der kontinuierlich erweitert wird. Wir – und viele andere – gehen aber davon aus, dass es dadurch insgesamt zu einer Vereinheitlichung der Semantik in der elektronischen medizinischen Dokumentation kommt, zumal sich die MII ja ausdrücklich auch um die Vernetzung mit nicht-universitären Krankenhäusern kümmern soll. Erste Zeichen sehen wir im Übrigen schon: Das PDSG bringt ja aller Voraussicht nach endlich die Mitgliedschaft von Deutschland bei SNOMED International und verschafft damit uneingeschränkten Zugang zu dieser Terminologie. Davon wir neben der medizinischen Forschung auch die Versorgung profitieren, weil unterschiedliche IT-Systeme dann nicht mehr unterschiedliche Sprachen sprechen. Das legt die Grundlage für eine übergreifende Datenanalytik, zum Beispiel mit Hilfe von Maschinenlernalgorithmen, die den Arzt bei seiner Arbeit unterstützten. Am Ende steht eine qualitativ bessere Patientenversorgung, da bin ich felsenfest von überzeugt.

Wie ist Ihre Zukunftsvision?

Die Zukunftsvision ist im Prinzip genau das: Wir entwickeln uns von einem rein dokumentenbasierten Gesundheitswesen hin zu einer datenbasierten Gesundheitsversorgung, in der alle Akteure auf allen Stufen von digitalen Anwendungen unterstützt werden, die dank internationaler Standards und bei Vorliegen entsprechender Einwilligungen des Patienten auf die jeweils relevanten Informationen zugreifen können. Als Unternehmen ist InterSystems genau an dieser kritischen Stelle optimal positioniert. Das sehen übrigens nicht nur wir selbst so, sondern auch unabhängige Analysten. So sind wir bei der Forrester Wave: Translytical Data Platforms Ende 2019 aus dem Stand im Strong Performer Segment gelandet. Und ganz aktuell wurden wir von KLAS Research zum globalen Category Leader bei medizinischen Interoperabilitätsplattformen ernannt. Das ist eine schöne Bestätigung für unsere Arbeit. Es motiviert uns, weiterzugehen und für die Patientinnen und Patienten einen Unterschied zu machen. Der Patientennutzen ist es, was am Ende wirklich zählt

 

Helene Lengler

Regional Managing Director, Central & Eastern Europe & Nordics

Helene Lengler verantwortet als Regional Managing Director für Central & Eastern Europe & Nordics die gesamten Geschäftsaktivitäten von InterSystems in den DACH-, Benelux-, Nordics- und CEE-Regionen. Sie blickt auf eine mehr als 25 Jahre lange erfolgreiche Karriere in der IT zurück, die sie seit Juli 2016 bei der InterSystems GmbH fortsetzt. Vor diesem Wechsel war sie über 16 Jahre in verschiedenen Managementfunktionen bei Oracle tätig, zuletzt als Vice President (VP) Sales Fusion Middleware und Mitglied der Geschäftsleitung bei Oracle Deutschland, VP Enterprise Sales und VP Oracle Direct. Ihre berufliche Karriere begann Helene Lengler bei der Digital Equipment GmbH in unterschiedlichen Vertriebs-, Marketing- und Pre-Sales-Funktionen. Helene Lengler hält einen Magister-Abschluss der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und absolvierte ein Aufbaustudium der Betriebswirtschaftslehre (BWL) an der AKAD in Pinneberg.

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